AKTIV Frauen in Baden-Württemberg - Ausgabe 53 - 3/2011
   

Starke Kinder durch starke Erzieher

Im bundesweiten Projekt „Mehr Männer in Kitas“, das die Stuttgarter Konzept-e für Bildung und Soziales GmbH als einziger Träger in Baden-Württemberg umsetzt, geht es darum, mehr Männer für den Erzieherberuf zu gewinnen. Bundesweit beträgt der Anteil männlicher Erzieher drei Prozent, in Baden- Württemberg sind es 2,9 Prozent.

Dienstagnachmittag in der Kindertagesstätte Bengelbande in Stuttgart-Vaihingen: Erzieher Benjamin Decker fährt mit seinem Seat Ibiza vor dem Kinderhaus vor und holt den Wagenheber aus dem Kofferraum. Er will heute seine Reifen wechseln. Einige Kinder sind ganz autovernarrt, das brachte ihn auf diese Idee. Ein paar ältere Jungen und zwei Mädchen sind auch gleich zur Stelle, fragen interessiert nach und packen mit an.

Warum brauchen wir mehr Männer in Kitas? Der beschriebene Impuls mag zwar dem gängigen Stereotyp „Männer und Technik“ entsprechen, doch zweifelsohne gibt es auch viele Frauen, die Reifen wechseln können. Und umgekehrt, macht nicht jeder Mann Luftsprünge, wenn der halbjährliche Reifenwechsel ansteht. Das Geschlecht ist nur ein Kriterium, das die Persönlichkeit und die Interessen prägt. Andere, nicht minder wichtige Einflussgrößen, sind Alter, Herkunft, Religion und kultureller Hintergrund.

Die Konzept-e, die in einem Trägerverbund 24 Kinderhäuser betreibt, hat mit 14 Prozent schon jetzt einen vergleichsweise hohen Männer-Anteil. Die Erfahrung zeigt, dass die mehr als 40 männlichen Erzieher von allen als Bereicherung erlebt werden. Sie bringen neue pädagogische Ideen ein und erhöhen die Vielfalt an spielerischen Angeboten.

Kinder brauchen Vorbilder und Bezugspersonen beiderlei Geschlechts jenseits von Rollenstereotypen

Sowohl Jungen als auch Mädchen brauchen Frauen und Männer, die mit ihnen toben, raufen, Fußball spielen, Reifen wechseln – und auch vorlesen, trösten, schlichten, wickeln oder kochen. Das stärkt sie und erweitert ihre Handlungsoptionen. Damit dies im Kita-Alltag gelingt, bedarf es einer Sensibilisierung und ständigen Reflexion der Gender-Thematik in den Teams, in der pädagogischen Arbeit mit den Kindern und auch in der Zusammenarbeit mit den Eltern. Dafür brauchen die Erzieherinnen und Erzieher die notwendige Kompetenz. Ein Projektteam bei Konzept-e erarbeitet derzeit eine Konzeption, die anschließend in den 24 element-i-Kinderhäusern umgesetzt wird. Auch gilt es, die Räume und das Spielmaterial mit Blick auf die Geschlechterreflexivität zu überprüfen.

Männer sind in Kitas nicht nur willkommen, sie wecken auch Bedenken. Die Gefahr sexuellen Missbrauchs steige mit mehr männlichen Erziehern, ist die Befürchtung, die oft unter dem Schlagwort „Generalverdacht“ thematisiert wird. Diese Angst müssen Träger ernst nehmen und mit den Eltern diskutieren. In den elementi- Kinderhäusern herrscht ein sehr gemeinschaftlicher Geist, bei dem sich niemand über längere Zeit oder regelmäßig mit einzelnen Kindern isolieren kann. Das Prinzip der offenen Türen ist selbstverständlich.

Die Kampagne des Bundesfamilienministeriums möchte die Perspektiven für den Erzieherberuf insgesamt verbessern, und zwar für Frauen und Männer. Dies ist dringend notwendig, existiert doch in vielen Köpfen noch das überholte Bild von den „kaffeetrinkenden Basteltanten“. Die fachlich kompetente Arbeit, die Frauen schon seit Jahrzehnten in der Frühpädagogik leisten, geht leider nicht mit einer entsprechenden gesellschaftlichen Anerkennung und Wertschätzung sowie einer angemessenen Entlohnung einher. Ein Teil der Projektmittel verwendet Konzepte deshalb für eine Imagekampagne, die Anfang 2012 im Großraum Stuttgart startet. Geplant sind die Entwicklung aktueller Informationsmaterialien zum Berufsbild, Kooperationen mit Schulen und Fachschulen, eine Internetplattform und eine Facebook-Kampagne sowie ein Film und ein Buch zum Thema „geschlechterbewusste Erziehung“.

Der Einstieg in soziale Berufe erfolgt oft über Berufspraktika

Mit dem Slogan „Starke Typen für starke Kinder“ will Konzept-e gezielt junge Männer ansprechen. Studien zeigen, dass viele Männer den Einstieg in soziale Berufe über Praktika, früher den Zivildienst oder über ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) finden. Deshalb bietet Konzept-e verstärkt Praktika und Ferienjobs an. Natürlich steht auch 2012 wieder die Teilnahme am bundesweiten „Boys Day“ auf dem Projektplan. In diesem Jahr waren alle 50 angebotenen Plätze in den element-i- Kinderhäusern belegt. Die Schüler wurden an dem Tag ausschließlich von männlichen Erziehern betreut.

Abschließend noch ein Blick auf die Ausbildung zur Erzieherin bzw. zum Erzieher: Sie ist in der Regel unbezahlt, zum Teil müssen die Auszubildenden sogar Schulgeld bezahlen. Damit ist die Ausbildung vergleichsweise unattraktiv. Konzept-e geht hier angesichts des sich abzeichnenden Fachkräftemangels neue Wege und hat eine eigene „Freie Duale Fachschule für Pädagogik - Schwerpunkt Jugend- und Heimerziehung“ gegründet. In der dreijährigen dualen Fachschule wechseln sich Praxis– und Theoriephasen von Beginn an ab und die Schülerinnen und Schüler erhalten ein Ausbildungsgehalt. Die ersten Fachschülerinnen und Fachschüler haben im September ihre Ausbildung begonnen. Bei der Bewerberauswahl wird das Kriterium der Vielfalt großgeschrieben: Männer und Frauen, Menschen mit und ohne Migrationshintergrund sowie Quereinsteiger, die schon Berufsund Lebenserfahrung mitbringen, sind dabei. Denn: Langfristig muss es darum gehen, nicht nur mehr Männer für die Elementarpädagogik zu begeistern, sondern insgesamt eine größere Vielfalt an Persönlichkeiten in die Kitas zu holen. Eine Vielfalt, die die gesellschaftlichen Lebenswelten und Realitäten wiederspiegelt.

Birgit Hamm
Birgit Hamm
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Konzept-e für Bildung und Soziales GmbH
Stuttgart





Mehr INFORMATIONEN
Die Konzept-e für Bildung und Soziales GmbH beschäftigt 350 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, davon rund 300 Erzieherinnen und Erzieher. Nach der dreijährigen Kampagne „MEHR Männer in Kitas“ soll ein Anteil von 20 Prozent männlicher Erzieher erreicht sein. In allen 24 Kinderhäusern wird nach dem pädagogischen element-i-Konzept gearbeitet. Dessen Leitsatz lautet: „Menschen bilden sich ganz individuell in der Auseinandersetzung mit einer für sie interessanten Umgebung und in Interaktion mit Anderen.“
www.konzept-e.de

 

 

 

 

     
„MEHR Männer in Kitas“ … Das sind 16 Modellprojekte mit 1300 Kindertageseinrichtungen in 13 Bundesländern. Das Programm wird vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) und dem Europäischen Sozialfonds der Europäischen Union bis Ende 2013 mit insgesamt 13 Millionen Euro gefördert. Es ist Teil der gleichstellungspolitischen Gesamtinitiative „Männer in Kitas“. Eine Vielzahl unterschiedlicher Projekte und Maßnahmen, wie Schüler-Praktika, Schnuppertage, Freiwilligendienste und Programme für Mentorinnen und Mentoren werden eingesetzt und ausgewertet. Hinzu kommen aktive Väterarbeit, die Auseinandersetzung mit dem Thema „Geschlecht“ sowohl während der Berufsfindung junger Männer wie auch im Kita-Alltag. Runde Tische und Netzwerke männlicher Erzieher werden dazu beitragen, in ganz Deutschland mehr Männer für den Beruf des Erziehers zu gewinnen. Die Erfahrungen aus den Modellprojekten werden überregional an Kita-Träger weitergegeben.